Das public discourse Programm

Das public discourse Programm ist integraler Bestandteil des ARTS CLUB BERLIN, der sich mit aktuellen Entwicklungen, Konzepten und Praxisformen künstlerischer Diskurse der Gegenwart befasst. Auf Einladung des VBK gestalten Kurator/innen, Künstler/innen oder Wissenschaftlerinnen das Diskursprogramm mit internationaler Orientierung, und gleichzeitiger Perspektive auf den lokalen Kontext in Berlin.

Der Schwerpunkt des Programms liegt insbesondere auf unterschiedlichen Formen künstlerischer Praxis und ihren Produktionsbedingungen. Was ist künstlerische Praxis heute und was sind Ihre Kontexte? Ausgehend von dieser programmatischen Frage wird in öffentlichen Vorträgen und Diskussionen mit internationalen Künstler/innen, Kurator/innen und Vertreter/innen außerkünstlerischer Felder, die Kontextualisierung zeitgenössischer Konzepte künstlerischer Praxis innerhalb politischer, sozialer und ökonomischer Umfelder angestrebt.

Diese interdisziplinären Begegnungen sollen einen offenen, ent-hierarchisierten Raum schaffen, in dem künstlerische und wissenschaftliche Vorstellungen von Expertise gleichwertig behandelt werden. Der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Kontexten künstlerischer Praxis, steht somit die Schaffung eines diskursiven Programms zur Seite, das zugleich neues kulturelles Terrain kartieren möchte.

PROGRAMM | public discourse
April - Juli 2017
KUNST UND GESELLSCHAFT | zwischen Fiktion und Realität

Die gesellschaftliche Realität durch die Künste zu verändern, beinhaltete grundlegend die Aufbruchsstimmung der Dada- und Fluxus-Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche, aktuelle Kunst- und Kulturprojekte machen diese Energie heute wieder spürbar. Aus diesem Grund widmet sich der ARTS CLUB BERLIN den Fragen, welche Chancen und welchen Einfluss künstlerisches Handeln und Denken auf politische, gesellschaftliche und ethische Problemfelder habe und diskutiert diese mit Akteuren und Theoretikern in verschiedenen Themenschwerpunkten.

Seit spätestens 2015, im Zuge der stärker werden Migrationsbewegungen aus den Kriegs- und Krisengebieten der außereuropäischen Länder, wird in Berlin zunehmend die Frage nach den Grenzen zwischen Kunst, politischem Engagement und Aktivismus gestellt. Im Februar 2016 ließ der prominente chinesische Künstler Ai Weiwei die Säulen des Berliner Konzerthauses mit gebrauchten Schwimmwesten aus Lesbos verkleiden und stellte das Foto des ertrunkenen Jungen Ailan Kurdi nach. Im Juni erregte das Zentrum für politische Schönheit mit der provokanten Kunstaktion „Flüchtlinge fressen - Not und Spiele“ vor dem Maxim-Gorki-Theater viel Aufsehen.

Für viele Menschen hatten sie die Grenze zur Geschmacklosigkeit mit der Ankündigung überschritten, dass Geflüchtete sich freiwillig von Tigern fressen lassen würden, wenn die Bundesregierung nicht ein Gesetz so abändere, dass Flüchtlinge auch mit dem Flugzeug einreisen könnten.

Darf Kunst alles und soll Kunst alles können? Gerade bezüglich der Flüchtlingskrise laufen Künstler Gefahr, das Leid anderer Menschen zu instrumentalisieren und vor allem für die eigene Karriereentwicklung zu nutzen.

Doch wer, wenn nicht die Kunst kann komplexe gesellschaftlichen Problematiken mit provokanten Aktionen hinterfragen und dabei ein großes Publikum erreichen? Ist es nicht sogar Aufgabe von Kunst, Chaos in die Ordnung zu bringen, wie Adorno einst anmerkte?

Schon Friedrich Schiller beschrieb Ende des 18. Jahrhundert in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, Kunst als das höchste Gut einer Gesellschaft. Sein Credo lautete sogar, Freiheit sei nur durch Kunst möglich, denn durch sie ließe sich der Mensch zu einer idealistischen Persönlichkeit erziehen, der frei von allen äußeren und inneren Zwängen wäre. Doch handelt es sich bei diesem Credo nur um idealistische Träumerei, oder hat angewandte Kunst tatsächlich durch ihr schöpferisches Potenzial einen praktischen Wert bzw. eine nutzbare Wirksamkeit?

 Zunehmend verstehen zeitgenössische Künstler ihre Arbeit als Kunst- und Kulturvermittlung und tragen durch erweiterte Kunstpraxis zur Entwicklung neuer künstlerischer Konzepte und Strategien und damit zur kritischen Positionierung in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten bei.

Im Jahr 2017 plant der ACB in den Themenblöcken „Kunst und ihre gesellschaftliche Wirksamkeit“ und „Kunst als ästhetischer Humanismus“ die gesellschaftliche Rolle der Kunst zu hinterfragen und neu zu verhandeln. Was passiert wenn die Dringlichkeit der Wirklichkeit die Kunst in Beschlag nimmt und Kunst den Anspruch nach einer gesellschaftlichen Wirkung erhebt? Welche Grenzen sind dabei unabdingbar und notwendig im Hinblick auf Entwicklung und Verhandlung eines integrativen Zusammenlebens unserer vielschichtigen Gesellschaft? Welche Chancen kreativer Strategien und Arbeitsweisen eröffnen sich im alltäglichen Zusammenleben, wenn Probleme diverser gesellschaftlicher Gruppen mit dem Blick durch die Kunst betrachtet werden?

I. Block zum Thema: Kunst und ihre gesellschaftliche Wirksamkeit

April: „Kunst=Leben, Leben=Kunst“
Gespräch mit Heinrich Liman, Leiter des Fluxus+ Museum in Potsdam

Mai: „Performance is alive“ 
Gespräch mit Jörn J. Burmester, Performance Künstler

Juni: „Gibt eine angewandte, politische Kunst?“ 
Gespräch mit Marina Naprushkina, Künstlerin

Juli: „Nowa Amerika - Kann Kunst Wirklichkeit konstruieren?“ 
Vortrag von Michael Kurzwelly, Künstler